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Musik an der Martin-Luther-Kirche - Dresdner Bachchor - Zur Markuspassion von Reinhard Keiser

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Katharina Ribbe

Zur Markuspassion von Reinhard Keiser

Karfreitagskonzert 2012

2012 führt der Dresdner Bachchor weder eine Passionsmusik nach Matthäus oder noch nach Johannes auf und auch der Komponist heißt nicht Johann Sebastian Bach sondern Reinhard Keiser, der im übrigen nicht mit einem zeitgenössischen Vertreter der Popmusik ähnlichen Namens verwechselt werden sollte.

Warum? Diese Frage stellen sich sicher einige Besucher der Karfreitagsmusik. Natürlich hoffen wir, unser Publikum auch damit zu locken, dass wir in diesem Jahr nicht das Bekannte, Traditionelle zu Gehör bringen.
Zur Pflege der großen oratorischen Chortradition, die sich der Dresdner Bachchor zur Aufgabe gemacht hat, gehört es unter anderem, das Verständnis der gesungenen Musik zu fördern und zu versuchen sie in unserer Zeit und in unserem Leben zu verankern. Große Werke wie die Matthäus- oder Johannespassion von Johann Sebastian Bach sollten auch in ihre Zeit eingeordnet werden: So kommt im Falle der Markuspassion von Reinhard Keiser ein Werk zur Aufführung, das Johann Sebastian Bach wahrscheinlich ein Vorbild war.

Reinhard Keiser (1674 - 1739) ist 11 Jahre früher als Johann Sebastian Bach geboren und ist auch 11 Jahre früher als er gestorben. Er wurde an der Thomasschule in Leipzig ausgebildet, ist damit auch ein Glied in der 800jährigen Kette der Thomaner, die dieses Jubiläum im Jahr 2012 begehen. Er ist über Braunschweig nach Hamburg gegangen und dort vor allem als Opernkomponist bekannt geworden. Sein Leben hat er im wesentlichen in Hamburg verbracht, Versuche am dänischen Hof Fuß zu fassen, sind ihm nicht geglückt. Von 1729 bis zu seinem Tod war Reinhard Keiser Kantor an der Hamburger Domkirche; er hat aber bereits zuvor auch geistliche Musik geschaffen, so auch die Markuspassion. Das barocke Zeitalter kannte ja eine Trennung nach U- und E-Musik noch nicht.

Reinhard Keiser war zu seiner Zeit ein bekannter Musiker, seine Werke wurden von zeitgenössischen Musiktheoretikern wie Mattheson und Scheibe geschätzt. So ist es nicht verwunderlich, dass auch Johann Sebastian Bach seine Werke kannte. Und wir verdanken auch ihm, dass uns Keisers Markuspassion überhaupt überliefert ist: Die Originalpartitur ist verschollen, wir kennen die Passion nur aus den Abschriften Bachs, der sie insgesamt mindestens dreimal aufgeführt hat (1713 in Weimar, 1726 und zwischen 1743 und 1748 in Leipzig) und sich jedes Mal wieder neues Notenmaterial erstellen musste. Die Abschriften weisen untereinander zahlreiche Unterschiede auf, so dass es schwierig ist, Keisers Originalwerk zu datieren und dieses von Hinzufügungen anderer Komponisten - unter anderem von Bach - zu unterscheiden. Es ist aber davon auszugehen, dass Johann Sebastian Bach die Keiser'sche Markuspassion schätzte und sie auch ihn in seinem Schaffen beeinflusst hat. Bachs eigene Vertonung der Kreuzigung Jesu nach dem Markus-Evangelium ist jedoch in großen Teilen verschollen und nicht mehr so zu rekonstruieren, dass wir einen wirklichen Eindruck des Intendierten erhalten können.

Ähnlichkeiten zwischen Keisers Markuspassion und der Matthäus- und Johannespassion von Bach zeigen sich vor allem im formalen Aufbau und in der Instrumentation.
Beide verwenden in den Rezitativen, die die Handlung vorantreiben, den reinen Evangeliumstext, das Geschehen wird in Arien, Chorälen und bei Keiser nur zum Teil in den Chören betrachtet und kommentiert. Bach und Keiser, letzterer jedoch nicht konsequent, verwenden zur Begleitung der Rezitative die Streicher (und nicht wie sonst üblich das Orgelcontinuo).

In der Gestaltung von Arien und Chören sind jedoch deutliche Unterschiede zu bemerken: Gerade die Choralsätze und Chöre Keisers sind viel schlichter gehalten als Bachs bekannte und durch alle Stilmittel der barocken Formensprache und insbesondere durch die wagemutige Harmonik quasi aufgeheizten Arien und Chorsätze.
Dies ist in Bezug auf die Choräle sicher mit der Hamburger Tradition zu erklären, nach der die Gemeinde die Choräle mitsingt. Auch ist im Norddeutschen Raum die Vorstellung stark verhaftet, dass die Darstellung der Leidensgeschichte Jesu nicht als geistiger, hier also musikalischer Genuss erfolgen darf.

Dem könnte auch die im Grundsatz sehr schlichte Instrumentierung Rechnung tragen. Werden aber Bläser-Farben eingesetzt, wie zum Beispiel die Oboe in der Sopranarie “Oh Golgatha”, so treten sie als Gestaltungsmittel um so stärker hervor, und verdeutlichen für den Hörer den Schmerz Jesu.

In der dramatischen Gestaltung der Passion ist jedoch auch der Opernkomponist Keiser gut zu erkennen: In den Rezitativen wird der Text durch Deklamation, Melodie und Harmonieführung ausgedeutet, gleiches gilt für die Gestaltung der betrachtenden und die Gefühlsebene schildernden Arien. Und hierin wird wieder der Bogen zu dem geschlagen, was uns Bachs eigene Kompositionen so nahe bringt und was vielleicht auch seine Motivation für die Aufführung der Keiserschen Markuspassion war: Eine möglichst lebendige Teilhabe des Zuhörer am Geschehen der Passionsgeschichte.