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Musik an der Martin-Luther-Kirche - Dresdner Bachchor - Igor Stravinkys Psalmensinfonie

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Wilfried Hanisch

Igor Stravinkys Psalmensinfonie

Eine Reise durch drei kirchenmusikalische Traditionen

Cette symphonie composée à la gloire de DIEU est dédiée au Boston Symphony Orchestra à l'occasion du cinquantième anniversaire de son existence.
(Diese zur Ehre GOTTES komponierte Sinfonie ist dem Boston Symphony Orchestra zum Anlass des fünfzigsten Jahrestages seines Bestehens gewidmet.)

So steht es am Anfang der Partitur der Psalmensinfonie. Igor Stravinsky schrieb sie im ersten Halbjahr 1930. Zum 50-Jahresjubiläum im Jahr 1931 veranstaltete das Boston-Sinfonieorchester unter Sergei Kussewizki, der das Orchester seit 1924 leitete, eine Konzertreihe mit sinfonischen Werken zeitgenössischer Komponisten. So beauftragte Kussewizki auch Stravinsky, von dem er schon vor 1914 in seinem Verlag „Editions Russes de Musique“ Werke herausgab.

Stravinsky hatte sich zu dieser Zeit bereits einer Kompositionsweise zugewandt, die die zeitgenössischen Klangwelten mit denen der alten Musik zusammenführen wollte. Sie wird gern „neoklassisch“ genannt, was aber die Sache nicht trifft, denn weder ging es ihm darum die „klassische Musik“ zu adaptieren, noch beschränkte er sich auf die Musik der „Klassik“. Sein eigentliches Anliegen war, die Musik aus dem Gefühlsüberschwang der Romantik und auch seiner eigenen expressiven Phase zu befreien und eine „objektive“ Musik zu schaffen, die ganz auf die musikalische Form setzt, wie er es nach seinem Verständnis in der alten Musik vorzufinden glaubte.

Stravinsky entschied sich zu einem symphonischen Chorwerk zu dem er Textpassagen aus der Vulgata entnahm: Aus Psalm 38(13,14) (Luther 39) und Psalm 39(2,3,4) (Luther 40) sowie den ganzen Psalm 150.
Im Januar 1930 begann er mit der Komposition und beendete sie schon im August. Im Dezember fanden dann zwei Uraufführungen statt: In Brüssel unter Ernest Ansermet und wenige Tage später in Boston unter Kussewizki.

Die drei Sätze des Werkes greifen Formen aus unterschiedlichen kirchenmusikalischen Traditionen auf. Ist es im ersten Satz der Anklang an einen gregorianischen Wechselgesang, so ist es im zweiten Satz der Rückgriff auf eine barocke Doppelfuge in der Chor und Orchester kunstvoll miteinander verschränkt werden und im dritten Satz scheint ein Hymnus wie aus der Tradition der orthodoxen Kirche auf.

Stravinsky, der sich kurze Zeit vorher wieder der russischen Kirche zugewandt hatte, legte großen Wert auf die Feststellung, dass bei diesem Werk der Text primär ist. „Es ist keine Sinfonie, in die ich Psalmen zum Singen eingefügt habe, sondern im Gegenteil, ich habe das Singen der Psalmen zur Sinfonie gemacht.“ („It is not a symphony in which I have included Psalms to be sung. On the contrary, it is the singing of the Psalms that I am symphonizing.”)Das heißt nun aber gerade nicht, dass er den Psalmentext vordergründig musikalisch interpretiert. Er macht ihn zum integralen Bestandteil der Musik. Er vertraut auf die den Worten inhärente Kraft, die nicht durch das private Fühlen des Komponisten und der Aufführenden 'verstärkt' werden muss und es nach seiner Ansicht auch nicht sollte.

Für eine Sinfonie ist das Werk ungewöhnlich besetzt. Die Bläser (4 große Flöten, kleine Flöte, 4 Oboen, Englischhorn, 3 Fagotte, Kontrafagott, 4 Hörner, 5 Trompeten, 3 Posaunen, Tuba) dominieren. Dazu kommen Pauken und große Trommel. Die Streicher werden nur durch Violoncelli und Kontrabässe vertreten. Harfe und vor allem zwei Klaviere spielen eine bedeutende Rolle. Und natürlich gehört ein vierstimmiger gemischter Chor dazu. Stravinsky wünschte sich dabei für die hohen Stimmen einen Knabenchor, hielt aber auch einen Frauenchor für zulässig.

Die drei Sätze folgen ohne Unterbrechung aufeinander.


Erster Satz: Exaudi orationem meam

Exaudi orationem meam, Domine, Et deprecationem meam. Auribus percipe lacrimas meas, ne sileas, Quoniam advena ego sum apud te et peregrinus, sicut omnes patres mei. Remitte mihi, ut refrigerer,

Höre mein Gebet, HERR, und vernimm mein Schreien und schweige nicht über meine Tränen; denn ich bin dein Pilger und dein Bürger wie alle meine Väter. Laß ab von mir, daß ich mich erquicke, ehe ich denn hinfahre und nicht mehr hier sei.

Nach einem durch einem mehrfach wiederholten e-moll Akkord eingeleitetem Vorspiel beginnt der Alt als Vorsänger, dem der ganze Chor antwortet. Das wird mit anderen Worten wiederholt, wonach sich ein streng homophoner Chorsatz entwickelt, der von schnellen ostinaten Orchesterfiguren begleitet in der parallelen Tonart G-dur endet.


Zweiter Satz: Expectans expectavi Dominum

Exspectans exspectavi Dominum, et intendit mihi. Et exaudivit preces meas. Et eduxit me de lacu miseriae et de luto faecis. Et statuit super petram pedes meos, et direxit gressus meos. Et immisit in os meum canticum novum, carmen Deo nostro. Videbunt multi, videbunt et timebunt: et sperabunt in Domino.

Ich harrte des HERRN; und er neigte sich zu mir und hörte mein Schreien und zog mich aus der grausamen Grube und aus dem Schlamm und stellte meine Füße auf einen Fels, daß ich gewiß treten kann; und hat mir ein neues Lied in meinen Mund gegeben, zu loben unsern Gott. Das werden viele sehen und den HERRN fürchten und auf ihn hoffen.

Das Orchester beginnt mit einer Fuge. Nach deren erster Durchführung setzt der Chor mit dem zweiten Fugenthema (Ich harrte des HERRN; … ) ein so dass sich eine von Chor und Orchester gleichwertig getragene Doppelfuge entwickelt. Nach einer kurzen Überleitung überlässt das Orchester dem Chor das Feld (und stellte meine Füße auf einen Fels ...) und danach dem schweigenden Chor zu antworten. Danach schwingen sich Chor und Orchester zum jubelnden Schlussgesang (und hat mir ein neues Lied in meinen Mund gegeben...) auf.


Dritter Satz: Alleluia Laudate Dominum

Alleluia! Laudate Dominum, in sanctis Ejus, Laudate Eum in firmamento virtutis Ejus, Laudate Eum in virtutibus Ejus. Laudate Dominum in sanctis Ejus. Laudate Eum secundum multitudinem magnitudinis Ejus. Laudate Eum in sono tubae, Laudate Eum in timpano et choro, Laudate Eum in cordis et organo, Laudate Eum in cymbalis bene sonantibus, Laudate Eum in cymbalis jubilationibus. Omnis spiritus laudet Dominum,
laudet Eum. Alleluia! Laudate Dominum.

Halleluja! Lobet den HERRN in seinem Heiligtum; lobet ihn in der Feste seiner Macht! Lobet ihn in seinen Taten; lobet ihn in seiner großen Herrlichkeit! Lobet ihn mit Posaunen; lobet ihn mit Psalter und Harfe! Lobet ihn mit Pauken und Reigen; lobet ihn mit Saiten und Pfeifen! Lobet ihn mit hellen Zimbeln; lobet ihn mit wohlklingenden Zimbeln! Alles, was Odem hat, lobe den HERRN! Halleluja!

Langsam und getragen setzt der Chor zum großen Halleluja ein. Bald aber bringt das Orchester Unruhe in das Geschehen. Wenn dann der Chor wieder einsetzt mischen sich die getragenen Passagen des Anfangs mit der Hektik des Orchesters. Geführt vom Bass gewinnt der Chor nicht aber das Orchester die Ruhe wieder. Doch in einem Zwischenspiel wieder verliert er sie abermals, bis die Hörner zur Ruhe mahnen. Es folgt ein hymnischer Teil (Lobet ihn mit Posaunen; lobet ihn mit Psalter und Harfe! …) der geradezu schwelgerisch die wohlklingenden Zimbeln feiert. Nach einer glockenartigen Passage wird dieses Thema zum „Alles was Odem hat ...“ wieder aufgegriffen. Getragen, wie der Satz begonnen hat klingt er wieder aus. Ein reiner C-dur Akkord ohne Quinte beschließt das Werk.


Quellen:

Übersetzung der Psalmen nach Luther 1912.