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Eine der größten Verkleidungsaktionen der italienischen Geschichte

Am 8. September 1943 um 19 Uhr 45 unterbrach der staatliche Rundfunk sein Programm, und Marschall Pietro Badoglio, seit der Absetzung Mussolinis am 25. Juli 1943 neuer Regierungschef, verlas folgende Erklärung:

Marshall Pietro Badoglio, seit der Absetzung Mussolinis am 25. Juli 1943 neuer Regierungschef, vorher verantwortlich für Giftgasbombardierungen Äthiopiens

„Die italienische Regierung hat angesichts der Unmöglichkeit, den ungleichen Kampf gegen die überwältigende gegnerische Macht fortzuführen und in der Absicht, weiters schweres Unheil von der Nation abzuwenden, General Eisenhower, den Oberkommandierenden der alliierten angloamerikanischen Streitkräfte, um einen Waffenstillstand gebeten. Diesem Gesuch wurde stattgegeben. Demgemäß müssen alle Kampfhandlungen gegen die angloamerikanischen Truppen von Seiten der italienischen Streitkräfte eingestellt werden. Diese werden jedoch auf eventuelle Angriffe aus jedweder anderen Richtung reagieren.“

Die vollkommen überraschten Italiener jubelten und ließen die Kirchenglocken läuten: Der Krieg war vorbei!
Nur zwei Tage später aber schrieb der junge Literaturwissenschaftler Emanuele Artom in sein Tagebuch: „Ein schrecklicher Tag…. Die eine Hälfte Italiens ist deutsch, die andere englisch, und Italien gibt es nicht mehr.“

Deutschland ist Euer wirklicher Freund – Propagandaplakat

Der Krieg hatte für das unzureichend vorbereitete und schlecht ausgerüstete Italien an der Seite Deutschlands seit seinem Beginn am 10. Juni 1940 an allen Fronten, in Frankreich, in Nordafrika, auf dem Balkan und in der Sowjetunion, einen katastrophalen Verlauf genommen. Mit über 300.000 Mann hatte sich Mussolini verlustreich am ‚Kampf gegen den Bolschewismus‘ beteiligt. Der Tod von Familienangehörigen, alliierte Bombenangriffe, Evakuierungen und Lebensmittelrationierungen hatten die Italiener kriegsmüde gemacht und bereits im März 1943 zu Streikaktionen in den Großstädten Norditaliens geführt – den ersten Massenprotesten nach über 20 Jahren faschistischer Herrschaft. Mitte Juli 1943 hatte schließlich auch die Mehrheit des Faschistischen Großrats eingesehen, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen war: Im Mai war der letzte deutsch-italienische Brückenkopf in Tunesien aufgegeben worden, und am 10. Juli landeten die Alliierten auf Sizilien. Ihr zügiger Vormarsch schien unaufhaltbar. Die Absetzung Mussolinis wurde vom Faschistischen Großrat mit 19 gegen 9 Stimmen und bei einer Enthaltung angenommen. Man ging mehrheitlich davon aus, ohne ihn an der Spitze des Staates bessere Friedensbedingungen aushandeln zu können. Unmittelbar danach hatte der in den Plan eingeweihte König Vittorio Emanuele III. Mussolini verhaften lassen, selbst den Oberbefehl über die Streitkräfte übernommen und Marschall Badoglio – der für die von Giftgasbombardierungen begleitete Unterwerfung Äthiopiens zum Herzog von Addis Abeba ernannt worden war – als neuen Regierungschef eingesetzt.

Rastrellamento im Zuge der der ‚Bandenbekämpfung‘, hier in Bourcet, Chisonetal

Badoglio ließ Hitler sofort offiziell in Kentniss setzen, dass Mussolini ‚abgedankt‘ habe, Italien den Krieg an Deutschlands Seite aber selbstverständlich fortsetzen wolle.
Dass der ‚Duce‘ abgedankt haben könnte, glaubte Hitler nicht einen Moment lang. Führ ihn war klar, dass er einem Putsch des faschistischen Großrats zum Opfer gefallen sein musste.
Die gebetsmühlenartig vorgetragene NS-Propaganda des ‚gemeinen und verräterischen‘ Verhaltens der Italiener hatte fatale Auswirkungen auf das Verhalten der deutschen Soldaten gegenüber den Italienern. Was mit der Entwaffnung der italienischen Armeen nach dem 8. September 1943 begann und sich während der zwanzigmonatigen Besatzung Norditaliens in menschenverachtender Weise gegenüber den vermeintlichen ‚Bandenhelfern‘ der Resistenza und der Zivilbevölkerung fortsetzte.

Wie tief die NS-Propaganda des italienischen ‚Verrats‘ noch heute (!) in den Köpfen vieler Deutscher verankert ist, zeigen die über Italiener kursierenden Witze:
Wieviele Gänge hat ein italienischer Panzer? Einen Vorwärts- und vier Rückwärtsgänge!
Wie sieht die italienische Kriegsflagge aus? Weißes Kreuz auf weißem Grund!
Warum haben die italienischen Panzer Rückspiegel? Um die Front besser im Auge behalten zu können.

Während Hitler verstärkt Truppen über den Brenner verlegen ließ und die Besetzung Italiens vorbereitete, trat die Regierung Badoglio mit den Alliierten in geheime Friedensverhandlungen ein, die sich bis zum 3. September 1943 hinzogen. In Cassibile war der vorerst noch geheimgehaltene Waffenstillstandsvertrag unterzeichnet worden.

Von der am 8. September 1943 um 19 Uhr 45 übermittelten Radiobotschaft Badoglios über den erfolgten Waffenstillstand wurden aber nicht nur die Zivilbevölkerung überrascht, sondern auch die Armee. Bevor sich der italienische König, ihr neuer Oberbefehlshaber, mit seiner Familie und der Regierung Badolglio in den von den Alliierten kontrollierten Süden des Landes in Sicherheit gebracht hatte, wurden keine klaren Befehle ausgegeben, wie die auf sich alleingestellten Truppenverbände in Norditalien sich zu verhalten hätten. Kurz vorher waren die deutschen Truppen noch ihre Verbündeten gewesen, nun kursierten die durchaus zutreffenden Gerüchte, dass die Deutschen alle italienischen Soldaten gefangen nehmen und sie in die KZs nach Deutschland schicken würden.

Die 4. Armee etwa, die sich gerade auf dem Rückzug aus Südfrankreich in das Piemont befand, löste sich durch diese Schreckensmeldungen schnell auf. Offiziere, Unteroffiziere, einfache Soldaten: Alle flüchteten.

Um den Deutschen nicht in die Hände zu fallen, benötigten die Soldaten zivile Kleidung, die sie nicht besaßen. Was nun begann, war in den Worten der italienischen Historikerin Anna Bravo eine der „größten Verkleidungsaktionen der italienischen Geschichte“.

Einige Berichte von Zeitzeugen:

Als wir erfahren haben, dass alle Soldaten aus den Kasernen abgehauen waren und sie verzweifelt nach einer Möglichkeit suchten, wieder nachhause zu kommen, weil niemand mehr Lust hatte zu kämpfen, sie aber als Militär gekleidet nicht mit dem Zug fahren konnten, da hatte meine Mutter in der Zwischenzeit schon alle möglichen Leute um alte Kleider gebeten und hat eine ganze Menge zusammenbekommen, die alle in unserem Keller lagen. Und so kamen immer diese Jungs. Signora, haben Sie nicht was zum Anziehen für mich? Und meine Mutter kleidete sie an, brachte sie zum Bahnhof und küsste sie. Auch ihre Uniformen haben sie bei uns gelassen, meine Mutter hat sie dann nachts im Hof verbrannt. Ja, das war eine richtige Verteilstelle geworden, mittlerweile wussten es alle.

Wir haben an Zivilkleidung hergegeben, was wir hatten. Alle halfen diesen jungen Männern. Wir hofften, dass irgendjemand meinem Bruder helfen würde, der in diesen Tagen in Marghera stationiert war. Und tatsächlich ist es ihm nach einer abenteuerlichen Reise zu Fuß geglückt, nachhause zu kommen.

In Cumiana sah man Dutzende dieser Soldaten von Haus zu Haus gehen, um Zivilbekleidung zu erbitten. Ich werde nie vergessen, dass mein Vater sogar die abgenutztesten Hosen, die im Haus waren, hergegeben hat.

Der Priester Don Pozza von der Kirche Santa Maria della Motta in Cumiana:
Die Deutschen waren schon im Ort, und dennoch kamen die Versprengten weiterhin in die Pfarrei. Einige Leute warnten mich, dass dies gefährlich werden könne. Aber da ich keine politischen Absichten, sondern nur karitative verfolgte, fuhr ich damit fort, bis alle meine Möglichkeiten erschöpft waren.

1,36 Millionen Soldaten des italienischen Heeres hatten sich am Tag der Waffenstillstandserklärung im deutschen Machtbereich befunden. Anfang Oktober 1943 waren 580.000 von ihnen in den deutschen Zwangsarbeitslagern oder auf dem Weg dorthin. Der Status von Kriegsgefangenen wurde ihnen nicht zugestanden. Sie galten als Militärinternierte, von denen über 45.000 in den Lagern starben: An Unterernährung, den Misshandlungen oder durch Erschießung. Die Zahl derjenigen, die entlassen wurden oder sich durch Flucht der Gefangennahme entziehen konnten, wird auf 765.000 geschätzt.

Die im Untergrund existierenden Widerstandsgruppen hatten sich schon vor der deutschen Besetzung Norditaliens, die am 8. September 1943 erfolgte, neu formiert. So konnte bereits am darauffolgenden Tag in Rom das parteiübergreifende ‚Comitato di Liberazione Nazionale‘ zur Koordinierung des Kampfes gegen die Besatzer gegründet werden. Aus kleinen Gruppen wuchs die italienische Resistenza bis April 1945 mit ihren ca. 250.000 Mitgliedern zur zahlenstärksten Widerstandsbewegung Westeuropas an.
Die Soldaten der sich auflösenden italienischen Armee liefen in großer Zahl zu den Partisanen über und entgingen so der Gefangennahme durch die Deutschen und der Deportation in die Arbeitslager.

Die Einberufungsaktionen in Mussolinis Armee – auf Befehl Hitlers hatten ihn deutsche Fallschirmjäger am 12. September aus seiner Haft auf dem Gran Sasso in den Abruzzen befreit und kurz darauf an die Spitze der faschistischen Marionettenregierung ‚Repubblica Sociale Italiana‘, RSI, gestellt – erwiesen sich als regelrechte Werbemaßnahmen für die Partisanen.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

Diesen Artikel haben wir unserem Buch „Partisanenpfade im Piemont“ entnommen.

 

Stolpersteine in Turin

In Turin wurden am 10. und 11. Januar 2015 erstmals Stolpersteine verlegt.

Nachdem im Jahr 2010 in Rom die ersten italienischen Stolpersteine – “Pietre d’Inciampo” – verlegt wurden, entstanden (und entstehen nachwievor) in vielen italienischen Städten und Gemeinden Initiativen, die Verlegungen dieser kleinen, mit Messing überzogenen und in den Boden eingelassenen Gedenksteine organisieren, um an das Schicksal von Menschen zu erinnern, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, deportiert, ermordet, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden.

In Turin wird das Stolperstein-Projekt von einem breiten Spektrum an Organisationen getragen, dem das Museo della Resistenza, die Jüdische Gemeinde, das Resistenza-Institut, die ANED (Nationale Vereinigung der Deportierten), das Goethe-Institut u.v.a.m. angehören. So konnten 27 Gedenksteine für TurinerInnen verlegt werden, die aus politischen oder rassistischen Gründen deportiert wurden.

Nun liegt beispielsweise vor dem Eingang der Schule am Corso San Maurizio 8 ein Stolperstein für Teresio Fasciolo:

 

 

 

QUI STUDIAVA
TERESIO FASCIOLO
NATO 1925
ARRESTATO MARZO 1944
DEPORTATO 1944
MAUTHAUSEN
ASSASSINATO 30.5.1944

 

Warum der 18-jährige Schüler nach Mauthausen deportiert und dort ermordet wurde, geht aus der knappen Inschrift leider nicht hervor. Dass sich der Junge den Partisanen der 2. Garibaldi-Division angeschlossen und in den Valli di Lanzo verhaftet, also „per motivi politici“ deportiert wurde, erfährt aber, wer das Stolperstein-Faltblatt mit ganz kurzen biografischen Notizen abruft. Darin sind auch die Verlegestellen eingezeichnet.

 

Weitere Stolpersteine in Turin:

  • in der Via Carlo Alberto 22 für Filippo Acciarini (politisch),
  • in der Via Po 25 für Michele Valabrega, seine Frau Maria Elena und Tochter Stella,
  • am Corso Regio Parco 35 für Lucio Pernaci (politisch),
  • am Corso Casale 10 für Luigi Porcellana (politisch),
  • am Corso Cairoli 32 für Lina Zargani,
  • am Corso Massimo D’Azeglio 12 für Eleonora Levi,
  • am Corso Marconi 38/40 für Gino Rossi,
  • in der Via Campana 18 für Luciano und Renato Treves (politisch),
  • in der Via Principe Tommaso 42 für Eugenio Nizza,
  • in der Via Principe Tommaso für Salvatore und Alberto Segre (politisch),
  • in der Via Gioberti 69 für Alfonso Ogliaro (politisch),
  • in der Via Fratelli Carle 6 für Alessandro, Germana, Luciana und Sergio Levi,
  • in der Via Amadeo Avogadro 19 für Marianna Sacerdote,
  • in der Via Giacinto Collegno 45 für Enzo Lolli,
  • in der Via Duchessa Jolanda für Donato Giorgio Levi,
  • in der Via Aurelio Saffi 13 für Rosetta Rimini und ihre Tochter Lidia Tedeschi,
  • am Corso Tassoni 33 für Corrado Lolli
  • und in der Via Vicenza 23 für Gelindo Augusti (politisch).

Spaziergang durch Turin auf den Spuren der Resistenza

So lässt sich nun der von uns beschriebene „Spaziergang durch Turin auf den Spuren der Resistenza“ (unsere Tour 1 in Partisanenpfade im Piemont) um einen kleinen Stolperstein-Spaziergang erweitern.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit