Kategorie-Archiv: Gedenkorte

Gedenkorte

Das Mailänder Architekturbüro BBPR

Im Januar 2017 wurden in Mailand die ersten sechs Stolpersteine verlegt, einer davon für den Architekten und Stadtplaner Gian Luigi Banfi (1910-1945). Er war im August 1944 als Mitglied der antifaschistischen Widerstandsbewegung Giustizia & Libertà verhaftet und von den deutschen Besatzern über das Durchgangslager Fossoli in das Konzentrationslager Mauthausen deportiert worden. Dort starb er im Nebenlager Gusen – kurz vor der Befreiung des Lagers – am 10. April 1945 an völliger Entkräftigung. Verlegt wurde der Gian Luigi Banfi gewidmete Stolperstein in der Mailäner Via dei Chiostri vor dem Gebäude, in dem das von ihm mitgegründete Mailänder Architekturbüro BBPR seinen Sitz hatte.

Monument für die Opfer der NS-Vernichtungslager - Foto: © Wolfram Mikuteit

Monument für die Opfer der NS-Vernichtungslager – Foto: © Wolfram Mikuteit

Banfi, Barbiano di Belgiojoso, Peressutti und Rogers
Gian Luigi Banfi, Lodovico Barbiano di Belgiojoso, Enrico Peressutti und Ernesto Nathan Rogers – drei von ihnen kannten sich bereits seit der gemeinsamen Schulzeit am Liceo Classico Parini – gründeten nach ihrem Studium am Mailänder Polytechnikum 1932 ihr Architekturbüro, dessen Namen aus den Initialen der Mitglieder entstand. BBPR zählten zu den wichtigsten Vertretern des italienischen Rationalismus, entwarfen u.a. für die Esposizione Universale 1942 in Rom, ein Prestigeprojekt von Mussolini, den Palazzo delle Poste e Telegrafi, beteiligten sich an architekturtheoretischen Debatten und publizierten in verschiedenen Architekturzeitschriften auch als Mitherausgeber. Zu den be­deu­tends­ten Wer­ken der Gruppe BBPR avan­cierte das Wohn- und Bü­ro­ge­bäude Torre Velasca im Zen­trum von Mailand (1958).

Stolperstein fuer Gian Luigi Banfi - Foto: © Wolfram Mikuteit

Stolperstein fuer Gian Luigi Banfi – Foto: © Wolfram Mikuteit

Der Erlass der perfiden italienischen Rassegesetze zwang Rogers dazu, seine Mitwirkung bei BBPR zu verbergen und führte seine Kollegen in den antifaschistischen Widerstand. Nach der Besetzung Italiens durch Wehrmacht und SS am 8. September 1943 wurde ihr Studio in der Via Chiostri zu einem der Treffpunkte der Mitglieder der klandestinen Bewegung Giustizia & Libertà, zu der auch Altiero Spinelli, Ernesto Rossi, Vittorio Foa und Mario Alberto Rollier zählten. Banfis Bruder Arialdo beteiligte sich am bewaffneten Widerstand im piemontesischen Val Pellice, wo er eine Partisaneneinheit befehligte.

Tafel am Büro der Architekten BBPR in der Mailänder Via Dei Chostri – Foto: © Wolfram Mikuteit

Tafel am Büro der Architekten BBPR in der Mailänder Via Dei Chostri – Foto: © Wolfram Mikuteit

Am 21. März 1944 wurden Gian Luigi Banfi und Lodovico Barbiano di Belgiojoso verhaftet, Enrico Peressutti entging der Verhaftung nur knapp und Ernesto Nathan Rogers konnte sich in die Schweiz retten. Lodovico Barbiano di Belgiojoso wurde zusammen mit Gian Luigi Banfi über Fossoli nach Gusen deportiert, überlebte aber – anders als Banfi – die katastrophalen, von Vernichtung durch Arbeit geprägten Haftbedingungen im Konzentrationslager und konnte 1945 nach Italien zurückkehren.

Büro der Architekten BBPR in der Mailänder Via dei Chostri - Foto: © Wolfram Mikuteit

Büro der Architekten BBPR in der Mailänder Via Dei Chostri – Foto: © Wolfram Mikuteit

Belgiojoso, Peressutti und Rogers führten das Studio nach dem Krieg weiter – behielten aber den Namen BBPR in Erinnerung an ihren verstorbenen Kollegen stets bei und widmeten sich immer wieder der Gestaltung von Gedenkorten: Im Jahr 1946 bauten sie in Mailand das Monumento ai caduti nei campi di concentramento, in den 1960er-Jahren das Memorial Gusen, 1970 die italienische Gedenkstätte im ehemaligen KZ Auschwitz (die nun nicht mehr der Gedenkstättenkonzeption der polnischen Regierung entspricht und deshalb jüngst abgebaut und wieder nach Italien gebracht werden musste), 1973 das Museo monumento al deportato in Carpi nahe Fossoli. Und noch in hohem Alter konzipierte Lodovico Barbiano di Belgiojoso 1996 (zusammen mit seinem Sohn, der BBPR nun weiterführt) in Sesto San Giovanni bei Mailand ein weiteres Deportationsmahnmal.

Die in Italien von BBPR geschaffenen Mahn- und Gedenkorte stellen wir hier kurz vor. 

Monumento ai caduti nei campi di concentramento
Als eine der ersten Gedenkstätten im gerade befreiten Europa errichteten BBPR 1946 auf dem Mailänder Hauptfriedhof das Monument für die Opfer der NS-Vernichtungslager: Ein leerer Kubus aus weiß lackierten Metallstäben, die sich schneiden und Rechtecke bilden, von denen einige Gedenktafeln beinhalten. Der Kubus steht auf einem kreuzförmigen Podest, unter dem sich Erde des Konzentrationslagers Mauthausen befindet.

Museo monumento al deportato di Carpi
Carpi war zwischen Januar und Herbst 1944 der Ausgangsort für die Transportzüge, die politische und jüdische Gefangene aus dem nur wenige Kilometer entfernten Durchgangslager Fossoli in die deutschen Vernichtungslager beförderten. In einem Seitenflügel des Palazzo dei Pio in Carpi wurde 1973 das von BBPR in Zusammenarbeit mit dem Künstler Renato Guttuso konzipierte Museo monumento al deportato eingeweiht.

Das beeindruckende Museum entstand auf Initiative der Vereinigung der ehemaligen Deportierten (ANED), der Jüdischen Gemeinde und der Stadt Carpi. Es soll die Erinnerung an das Deportationslager Fossoli lebendig erhalten. An den Wänden der 13 Museumssäle haben Corrado Cagli, Renato Gattuso, Alberto Longoni, Fernand Legér und Pablo Picasso eindrucksvolle Graffiti geschaffen. Ebenfalls an den Wänden sind bewegende Zitate aus den letzten Briefen zum Tode verurteilter europäischer WiderstandskämpferInnen zu lesen. Die Texte stammen aus den „Lettere di condannati a morte della resistenza europea“, erstmals veröffentlicht bei Einaudi 1954. Im Hof des Palastes machen die auf hohen Betonstelen eingravierten Namen der Lager die Zielorte der Transportzüge sichtbar.

Monumento ai deportati im Parco Nord Milano
Auf einem Hügel im zur Gemeinde Sesto San Giovanni gehörenden Parco Nord Milano konzipierte Lodovico Barbiano di Belgiojoso 1996 zusammen mit seinem Sohn – Ernesto Nathan Rogers ist 1969, Enrico Peressutti 1976 gestorben – das Monumento ai Deportati.

Viele der Arbeiter aus den für die Kriegswirtschaft wichtigen Industrieunternehmen nördlich von Mailand – u.a. Breda, Pirelli und Falck – wurden vor allem nach dem Generalstreik im März 1944 anhand „schwarzer Listen“ verhaftet und in deutsche Konzentrationslager deportiert. Allein in Gusen, einem Nebenlager von Mauthausen, starben 97 Arbeiter aus Sesto San Giovanni.

Das Gedenkareal ist über eine Treppe erreichbar, die an die „Todesstiege“ erinnern soll, die das  Konzentrationslager Mauthausen mit einem der dortigen Steinbrüche verband und Ort ganz besonderer Grausamkeiten des Lagerpersonals war. Das Mahnmal selbst besteht aus einer hohen Gedenkstele, die einen Deportierten darstellen soll, dessen „Kopf“ aus Blöcken der Steinbrüche von Mauthausen stammen. Zu seinen Füßen ist die Asche verschiedener Konzentrationslager eingelassen. Im weiten Halbrund vor der Stele befinden sich Tafeln mit den Namen der 552 Deportierten, gruppiert nach den Fabriken, in denen sie arbeiteten.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

Fischia il vento: „Der Wind pfeift“ bei Madonna del Alto

„Die Lieder der italienischen Resistenza“, schrieb Rosanna Rosanda im Vorwort zu Gino Vermicellis Buch ‚Die unsichtbaren Dörfer‘, „sind nicht sehr fröhlich. Das bekannteste, nach der Melodie von »Katiuscia«, ist »Fischia il vento« und erzählt von der Härte des Partisanenlebens, seinem ständigen Zusammentreffen mit dem Tod“.  

Den Text zur Melodie des melancholischen russischen Liebesliedes „Katjuscha“ verfasste Dr. Felice Cascione. Der aus Porto Maurizio stammende Arzt gehörte schon während seines Medizinstudiums in Bologna dem klandestinen antifaschistischen Widerstand an; 1943 trat er in die verbotene Kommunistische Partei Italiens ein. Nach gerade abgelegtem Examen war Felice Cascione einer der ersten, die direkt nach Bekanntgabe der Kapitulation Italiens am 8. September 1943 und der anschließenden deutschen Besatzung im Hinterland der ligurischen Küste eine Partisaneneinheit aufstellte.

Das von „U mégu“ (lokaler Dialekt für: der Arzt) gedichtete Lied soll zu Epifania (Heilige Drei Könige, 6. Januar) 1944 bei Fontane di Alto im südpiemontesischen Valle Pennavaira erstmals gesungen worden sein:

Fischia il vento, infuria la bufera,
scarpe rotte eppur bisogna andar,
a conquistare la rossa primavera
dove sorge il sol dell’avvenir.

Ogni contrada è patria del ribelle,
ogni donna a lui dona un sospir,
nella notte lo guidano le stelle
forte il cuore e il braccio nel colpir.

Se ci coglie la crudele morte,
dura vendetta verrà dal partigian;
ormai sicura è già la dura sorte
del fascista vile traditor.

Cessa il vento, calma è la bufera,
torna a casa il fiero partigian,
sventolando la rossa sua bandiera;
vittoriosi e alfin liberi siam.

Schon wenige Wochen nachdem das Lied mit dem Text von Felice Cascione erstmals erklang, wurde „U mégu“ am 27. Januar 1944 oberhalb von Madonna del Lago (Gemeinde Alto / Piemont) bei einem Feuergefecht mit faschistischen Truppen schwer verwundet und – nachdem er sich als Anführer der Partisanengruppe zu erkennen gegeben hatte – erschossen. Posthum wurde ihm die ‚Medaglia d’oro al valor militare‘ verliehen.

„Fischia il Vento“ wurde zur Hymne der Garibaldi-Partisanenbrigaden Norditaliens und das wahrscheinlich meistgesungene Lied des Widerstands während der 20 Monate der deutschen Besatzung Italiens.

Wer von Madonna del Lago auf den Monte Dubasso (Wikipedia: 1.545 m – IGC-Karte und Gipfelkreuz: 1.538 m) wandert, passiert dabei schon nach kurzem Aufstieg die Stelle, an der Felice Cascione erschossen wurde. Nur wenig abseits des Weges befindet sich die kleine Gedenkstätte für ihn.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

Addio al Partigiano Ugo Berga

Am Sonntag, 23. September 2018, ist Ugo Berga gestorben. Und am Dienstag, 25. September 2018, wurde er auf dem Friedhof von Turin beigesetzt.

Im Juni 2011 nahm er sich in Bussoleno einen ganzen Nachmittag lang Zeit, um uns als Zeitzeuge von den Kämpfen gegen die deutsche Besatzung im Susatal zu berichten und unsere vielen Fragen zu beantworten. Dafür nochmals: Vielen Dank!

Ugo Berga, am 24. Januar 1922 geboren, war bereits durch Familie (u.a. zählten seine Tante Rita Montagnana und sein Onkel Mario Montagnana zu den Mitbegründern des PCI) und Umfeld geprägter Antifaschist, bevor die deutsche Wehrmacht im September 1943 sein Land überfiel. Die perfiden italienischen Rassengesetze hatten ihn zum Verlassen der Schule gezwungen, und die Bombardierungen Turins führten ihn in das untere Susatal. Dort gehörte er neben Carlo Carli, Egidio Liberti, Walter Fontan, Felice Cima und Marcello Albertazzi zu jenen Männern, die erste Widerstandsgruppen bildeten und Sabotageakte auf die für die Deutschen strategisch extrem wichtige Eisenbahnverbindung Turin – Modane und auf Brücken und Telegrafenleitungen verübten.

Er war jener “Ugo“, von dem Ada Gobetti nach ihrem ersten Treffen am 27. Oktober 1943 schrieb, dass sie ihn sofort an seinen roten Haaren erkannt habe (aus ihrem Diario partigiano: “A Mattie ho incontrato Ugo, che ho subito riconosciuto per i suoi capelli rossi“).

In der Nähe seines Vaterhauses war es auch, wo sich die Männer, die sich nun nicht mehr ‚Rebellen‘ oder ‚Patrioten‘, sondern ab jetzt ‚Partisanen‘ nannten, auf einer Lichtung bei Martinetti oberhalb von San Giorio di Susa trafen und den Eid von Garda leisteten: Sie schworen auf die mitgeführte italienische Trikolore, so lange gegen den Nazi-Faschismus zu kämpfen, bis das Land befreit wäre.

Was Ugo Berga auch tat: Als Politkommissar der 106a° Brigata Garibaldi ‚Giordano Velino‘ erlebte er die Befreiung Turins im April 1945.

Er blieb lebenslang politisch aktiv. Die Erfahrungen der Resistenza waren für ihn nicht lediglich ein Stück abgeschlossene Geschichte, sondern haben sein Leben bestimmt und dazu beigetragen, sich auch in hohem Alter immer wieder aktiv in das politische Tagesgeschehen einzumischen. So erstaunt es nicht, dass Ugo Berga auch den jahrzehntelangen Kampf der Bevölkerung gegen das – unter Umweltschutzgesichtspunkten unverantwortliche und wirtschaftlich vollkommen sinnentleerte – Eisenbahn-Hochgeschwindigkeitsprojekt zwischen zwischen Turin und Lyon unterstützte.

Fa buon viaggio Ugo. Ora e sempre Resistenza!

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

Die Lager des „Duce“ – Teil 2

Das KZ Le Fraschette südlich von Rom

Der in idyllischer Hügellandschaft liegende Weiler Le Fraschette bei Alatri war Ende 1941 zunächst als Standort für ein Kriegsgefangenenlager vorgesehen, dann aber als Campo di concentramento Fraschette di Alatri im Juli 1942 zur Internierung von mehreren Tausend Zivilisten in Betrieb genommen. Im unter der Leitung des italienischen Innenministeriums stehenden und von Carabinieri bewachten Lager wurden annähernd 200 Holzbaracken errichtet, in denen zunächst aus Libyen deportierte Anglo-Malteser untergebracht wurden.

Ende Oktober 1942 traf der erste Deportationstransport aus den von Italien besetzten Gebieten Jugoslawiens mit 90 Frauen und 164 Kindern aus dem KZ auf der norddalmatinischen Insel Molat (campo di concentramento di Melada) ein. Weitere Transporte folgten: insgesamt wurden circa 2.900 „ex jugoslavi“ in das KZ Le Fraschette deportiert.

Viele von ihnen stammten aus Jelenje und Podhum, Gemeinden in der Nähe von Fiume (heute: Rijeka). Dort hatten am 12. Juli 1942 italienische Besatzungstruppen auf Anweisung des Präfekten der Provinz bei einer sogenannten „Vergeltungsaktion“ ca. 100 völlig unbeteiligte Männer zwischen 16 und 64 Jahren umgebracht, die Dörfer dem Erdboden gleichgemacht und alle anderen Einwohner – Frauen, Männer, kleine Kinder und alte Menschen – in verschiedene italienische Konzentrationslager verschleppt. Im KZ Le Fraschette wurden sie nun zusammengefasst.

Mitte Februar 1943 ereichten die ersten Transporte mit Menschen aus der Region Friaul-Julisch Venetien das KZ. Anlass für die Deportation ganzer Familien war meist lediglich die Tatsache, dass sich ein Verwandter dem Widerstand angeschlossen hatte.

Im Sommer 1943 waren 4.500 Menschen – ständig hungernd und unter elendigen hygienischen Bedingungen – im KZ Le Fraschette interniert.

Nach der Befreiung im Juni 1944 diente das Areal als Displaced Persons Camp, danach wurde das Lager für Flüchtlinge aus Istrien und Dalmatien und später als Erstunterkunft auch für Italiener aus den ehemaligen afrikanischen Kolonien und Flüchtlinge aus Ostblockstaaten genutzt.

Im Jahr 2001 schrieb der Historiker Carlo Spartaco Capogreco im Gedenkstättenrundbrief:
… sind doch bei dem allgemeinen Desinteresse fast aller Protagonisten der italienischen Gesellschaft nach und nach Spuren und Geschichte praktisch aller faschistischen Lager verschwunden. In Nord- und Mittelitalien hat sich dieser Prozess – wenn überhaupt möglich – noch gründlicher vollzogen. Man denke an die Lager von Gonars (Udine), Renicci-Anghiari (Arezzo), Cairo Montenotte (Savona), Fraschette-Alatri (Frosinone), um nur die wichtigsten zu erwähnen, deren Bauten man hat verwahrlosen lassen, soweit man sie nicht vorsätzlich zerstört hat, und deren Geschichte nur in seltenen Fällen Gegenstand wissenschaftlicher Studien gewesen ist. […] In Alatri (Frosinone) wird jetzt ein Teil der alten Gebäude des riesigen ehemaligen Konzentrationslagers von Fraschette zu einer Herberge für Pilger des Heiligen Jahres umgebaut. Das Schild, das am Eingang Auskunft über die Bauarbeiten gibt, erwähnt mit keinem Wort die Tausende von jugoslawischen Frauen und Kinder, die hier deportiert wurden, erinnert aber daran, dass hier in der Nachkriegszeit dalmatische und istrische Flüchtlinge aufgenommen wurden“.

Aus der von Capogreco erwähnten Herberge für Pilger des Heiligen Jahres wurde im Jahr 2006 das „Ostello della Gioventù“, eine Art Jugendherberge mit 120 Betten, deren Betreiber auf der Homepage knapp erwähnen, dass das Gebäude früher ein „campo di deportazione della IIa Guerra Mondiale“ war.

Erst im April 2016 ist auf Veranlassung der Associazione Nazionale Partigiani Cristiani (ANPC) Frosinone vor dem Eingang des ehemaligen Konzentrationslager eine kleine Gedenkstätte errichtet worden. Auf der an Ketten liegenden Bodenplatte neben dem Monumento agli Internati steht recht vage, dass es den Menschen gewidmet ist, „die während des Zweiten Weltkriegs aus ihrer Heimat gerissen und im Konzentrationslager Le Fraschette interniert wurden“, den Bischöfen von Alatri, Triest und Gorizia, den Priestern und Nonnen und all jenen, die bis in die 1970er-Jahre in Le Fraschette daran beteiligt waren, das Leiden und die Verzweiflung der Flüchtlinge zu lindern.

Informationen über das vom faschistischen Italien hier errichtete Konzentrationslager, die Hintergründe der Deportationen und die Opfer fehlen noch immer.

 

… und nicht zu vergessen: die vielen Lager Mussolinis für Jüdinnen und Juden

Anlässlich einer Sitzung des Rates der Union der Israelitischen Gemeinden Italiens teilte der Vorsitzende Dante Almansi den Anwesenden am 30. Mai 1940 mit:

Der Kriegszustand hat die Regierung veranlasst, Maßnahmen gegen die ausländischen jüdischen Flüchtlinge zu treffen. Sie sollen in einer Ortschaft in Süditalien zusammengefasst werden, und zwar in Tarsia (Provinz Cosenza). Dort werden sie auch nach Beendung des Krieges bleiben müssen, um dann in die Länder verschickt zu werden, die sich zur Aufnahme bereit erklären sollten. Die Maßnahme erfolgt in zwei Phasen: erst werden Frauen und Männer getrennt in verschiedene Ortschaften des Königreichs verlegt, dann wird man sie in dem genannten definitiven Ort sammeln und die einzelnen Familien in eigens zu diesem Zweck errichteten Baracken zusammenführen. Auch Staatenlose, die ab 1919 nach Italien gekommen sind, werden als Ausländer eingestuft.“

Am selben Tag erging der Auftrag zur Errichtung des Konzentrationslagers Ferramonti di Tarsia im malariaverseuchten südlichen Kalabrien. Es wurde das größte italienische Konzentrationslager für ausländische Juden und jene, die durch die 1938 von Mussolini erlassenen Rassegesetze staatenlos geworden waren. In Ferramonti waren zwischen 1.500 und 2.000 Häftlinge untergebracht, die große Mehrzahl nicht-italienische Juden.

Daneben wurde jede Provinz angewiesen, Plätze zur Internierung solcher Angehöriger  „feindlicher Staaten“ bereitzustellen. Allein 15 derartige Lager entstanden in der Region Abruzzen.

Das meisten Baracken des bereits wenige Tage nach Bekanntgabe der italienischen Kapitulation von einer Vorhut der britischen Armee am 14. September 1943 befreiten Lagers  Ferramonti wurden in den 1960er-Jahren abgerissen: Weite Teile des 16 Hektar großen Areals wurden für den Bau der Autobahn Salerno – Reggio Calabria verwendet.

Gedenken wird zivilgesellschaftlichem Engagement überlassen: Seit dem Jahr 1988 kümmert sich die Stiftung Ferramonti (Fondazione Museo Internazionale della Memoria Ferramonti di Tarsia) mit dem Ziel, den Ort des ehemalige faschistischen Konzentrationslagers zu einem Platz der Auseinandersetzung mit der Geschichte zu machen, um den Erhalt der wenigen noch verbliebenen Gebäude. 1999 gelang es der Stiftung, das verbliebene Areal unter Denkmalschutz stellen zu lassen. Am 25. April 2004 konnte das kleine Museo della Memoria Ferramonti di Tarsia eingeweiht werden.

Der Historiker Carlo Spartaco Capogreco hat mit seinem Buch „I campi del Duce. L’internamento civile nell’Italia fascista (1940-1943)“ das Standardwerk zu faschistischen Konzentrationslagern geschrieben. Es erschien im Jahr 2004 im Turiner Einaudi Verlag. Aber selbstverständlich lagen auch vorher alle Fakten vor, die Silvio Berlusconis verwegene, geschichtsrevidierende  These, dass es während der Zeit des italienischen Faschismus keine Konzentrationslager gegeben habe, widerlegen.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

Die Lager des „Duce“ – Teil 1

Im Jahr 2003 behauptete der damalige italienische Premierminister Silvio Berlusconi, dass es während der Zeit des italienischen Faschismus keine Konzentrationslager gegeben habe, Mussolini niemanden habe umbringen lassen und er Menschen lediglich auf Inseln wie Ponza und Ventotene in den „Urlaub“ geschickt hätte.

Die von der Geschichtsforschung längst widerlegte Behauptung, dass der Mussolini-Faschismus erst unter dem Einfluss des nationalsozialistischen Deutschlands aus dem Ruder gelaufen sei, die Mär vom „guten Italiener“ und „schlechten Deutschen, ist ein bekanntes Stereotyp und wurde von Berlusconi während seiner Regierungszeit intensiv bedient.

Dies hat eine verzerrte kollektive Erinnerung befördert, die sich auch im Umgang mit den Stätten ehemaliger Konzentrationslager des italienischen Faschismus manifestiert: Denn während in den – unter deutscher Besatzungsherrschaft nach der italienischen Kapitulation im September 1943 errichteten – Konzentrationslagern Risiera San Sabba in Triest, Fossoli und Bozen-Gries an deren Geschichte erinnert und der Opfer gedacht wird, sucht man nach Spuren der über 50 Konzentrationslager, die Mussolini ab 1940 errichten ließ, meist vergeblich.

Konzentrationslager für Zivilisten aus von Italien okkupierten Gebieten Jugoslawiens

Nachdem sich das faschistische Italien – mit Deutschland durch die Achse Berlin-Rom“ und den sogenannten „Stahlpakt“ verbunden – am deutschen Überfall auf Jugoslawien im April 1941 beteiligt hatte, besetzte die italienische Armee Teile des in diverse Einflusssphären zerstückelten Landes entlang der Küste: Das italienische Besatzungsgebiet umfasste den Süden und Westen Sloweniens bis einschließlich Ljubljana und Teile von Dalmatien, einige Inseln sowie Teile von Montenegro und des Kosovo.

Die italienische Besatzung war von Zwangsmaßnahmen, Geiselerschießungen sowie massenhaften Deportationen und Internierung von Zivilisten – Frauen, Männern und Kindern aus Slowenien, Kroatien und Dalmatien – gekennzeichnet. So erließ General Mario Roatta, ab Januar 1942 Oberbefehlshaber der 2. italienischen Armee, die 1941 von Istrien aus am Überfall auf Jugoslawien teilnahm und danach die italienischen Besatzungstruppen in den besetzten Gebieten stellte, am 1. März 1942 das berüchtigte Rundschreiben 3C („Circolare 3C“): In offenem Bruch mit dem Kriegsvölkerrecht wurden Offiziere und Kommandanten darin angewiesen, mit allergrößter Härte gegen den Widerstand der Bevölkerung vorzugehen (Prinzip des „Zahn um Kopf“ statt „Zahn um Zahn“).

Bereits einige Tage zuvor hatte Roatta in der Nacht vom 22. auf den 23. Februar 1942 das Stadtgebiet von Ljubljana mit einem Stacheldrahtzaun hermetisch abriegeln lassen und danach Durchkämmungsaktionen angeordnet. Mehrere hundert gefangengenommene slowenische Zivilisten (Schüler, Studenten, Intellektuelle, die im Verdacht standen, mit der slowenischen Befreiungsbewegung zu sympathisieren) wurden Mitte März 1942 – die Gefängnisse in Ljubljana waren längst überfüllt – nach Italien deportiert. Diese Verschleppungen sollten den Widerstand gegen das faschistische italienische Besatzungsregime brechen und potentielle Widerstandskämpfer isolieren.

Das KZ Gonars

Das Konzentrationslager Gonars im Friaul war das erste Lager für Slowenen und Kroaten – „per slavi“, wie es im Land der Besatzungsmacht hieß – auf italienischem Boden.

Es wurde Ende Februar 1942, nachdem General Roatta mit den systematischen Durchkämmungen begonnen hatte, errichtet. Tausende Slowenen wurden ab März 1942 nach Gonars verschleppt. Anfangs nur Männer, später auch Frauen, Kinder und alte Menschen. Unter den unter elenden hygienischen Bedingungen lebenden und unter Mangelernährung leidenden Gefangenen waren neben Sympathisanten der slowenischen Befreiungsbewegung u.a. der Direktor der Oper von Ljubljana, Schauspieler des Nationaltheaters, Bildhauer, Schriftsteller und viele Universitätsangestellte. Bereits Mitte August 1942 waren über 6.000, Mitte September 1942 knapp 6.400 Menschen in Gonars interniert. Ausgelegt für ca. 3.000 Gefangene, war die Aufnahmekapazität bereits nach kurzer Zeit erreicht, was zum Bau weiterer Konzentrationslager führte.

Bis das Lager im September 1943 im Zuge der italienischen Kapitulation aufgelöst wurde, starben in Gonars ca. 500 Menschen an Unterernährung und verschiedensten Krankheiten, darunter 70 Kleinkinder.

Nach dem Krieg wurde das Lager dem Boden gleichgemacht, lediglich einige längst grasüberwachsene Fundamente sind davon heute noch erkennbar. Aber wenigstens gelang es der jugoslawischen Regierung im Vorfeld des 1975 geschlossenen Osimo-Vertrags über die Festlegung des endgültigen Grenzverlaufs zwischen Italien und Jugoslawien, auf dem örtlichen Friedhof eine Gedenkstätte zu errichten.
Und seit dem Jahr 2009 existiert auch eine kleine Gedenkstätte auf dem Areal des ehemaligen Lagers: Auf vier Stelen sind Mosaike mit Reproduktionen von Werken eingelassen, die Häftlinge im Lager geschaffen haben.

Das KZ Monigo in Treviso

Da das KZ Gonars schnell überfüllt war, wurden weitere Konzentrationslager errichtet, zunächst in Treviso.

Hier wurde die Caserma Luigi Cadorin im Vorort Monigo zum Konzentrationslager umfunktioniert. Die ersten slowenischen Gefangenen erreichten das Lager am 2. Juli 1942: 315 Männer, Frauen und Kinder, die während der großen Durchkämmungsaktion in Ljubljana und weitere 255 Zivilisten, die im Raum Logatec (ca. 30 km südwestlich der slowenischen Hauptstadt) verhaftet worden waren. Mit einem zweiten Transport wurden am 6. August 432 Menschen aus Novo Mesto und Kočevje nach Treviso deportiert. Weitere Transporte folgten, auch aus dem Konzentrationslager Kampor auf der dalmatinischen Insel Rab, wo die Sterberate der Insassen mit 19 % über der des deutschen KZ Dachau lag. Im Oktober 1942 waren über 3.400 Menschen im KZ Monigo inhaftiert.

Der Überfüllung des Lagers begegneten die Behörden mit der teilweisen Verlegung in andere Konzentrations- und Arbeitslager. Mangelernährung, Kälte und schlechte hygiensiche Bedingungen blieben jedoch an der Tagesordnung und führten dazu, dass zeitweise die Hälfte der 600 Betten des städtischen Krankenhauses in Treviso von Insassen des KZ Monigo belegt waren. Meist viel zu spät eingeliefert, konnte vielen der Patienten, die an katastrophaler Unternährung oder Tuberkulose litten, nicht mehr geholfen werden.

In den 14 Monaten bis zur Schließung des Lagers starben über 230 Menschen, davon über 50 Kinder. Die meisten von ihnen wurden in Massengräbern verscharrt.

Die Cadorin-Kaserne wird nachwievor militärisch genutzt; Hinweise auf die frühere Nutzung gibt es nicht. Einer privaten Initiative ist es zu danken, dass seit Januar 2013 am ehemaligen Krankenhaus in der Altstadt von Treviso eine Gedenktafel angebracht werden konnte für „die Tausenden von Zivilisten, die in das Konzentrationslager Treviso (1942-1943) deportiert wurden. Viele der circa 200 Todesopfer, darunter 53 Kinder, starben an diesem Ort, damals das städtische Krankenhaus“. Das Gedenkrelief ist das Ergebnis eines auch vom Geschichtsinstitut ISTRESCO unterstützten Wettbewerbs der Studenten des Liceo Artistico di Treviso.

Das KZ Visco

Lediglich 10 Kilometer von Gonars entfernt entstand im Januar 1943 in der kleinen Ortschaft Visco bei Palmanova ein weiteres Konzentrationslager. Am 22. Februar 1943 erreichten die ersten ca. 300 gefangenen, von Hungerödemen gezeichneten Slowenen und Kroaten aus dem Konzentrationslager Kampor auf der dalmatinischen Insel Rab das Lager Visco. Mit 3.272 Männern, Frauen und auch vielen Kindern erreichte die Belegung des KZ Visco am 1. Juli 1943 ihren Höchststand. 22 Menschen starben dort während ihrer Haftzeit.

Nach der italienischen Kapitulation wurden die 18 Gebäude des Lagers zunächst von der Wehrmacht, nach dem Krieg vom italienischen Militär bis 1996 als Kaserne („Caserma Luigi Sbaiz“) genutzt. Im Jahr 2001 ging es in den Besitz der Gemeinde Visco über. Das hermetisch abgeriegelte Gelände war öffentlich nicht zugänglich, sodass auch die kleine Gedenktafel, die seit dem Jahr 2004 im Inneren an die frühere Nutzung als Konzentrationslager erinnert, nicht erkennbar war.

Anstatt hier nun aber eine Gedenkstätte zu errichten, einen Ort, an dem über den italienischen Faschismus, den Angriffskrieg gegen Jugoslawien, die italienische Besatzungsherrschaft und über die Deportation von allein circa 25.000 Slowenen nach Italien informiert werden könnte, plante die Gemeinde den Verkauf des Areals an ein Möbelcenter. Diese Nachricht, auch von der in Kärnten erscheinenden „Kleinen Zeitung“ über die Landesgrenzen hinweg verbreitet, löste Empörung aus. Gegen die Veräußerung des Geländes stemmte sich auch der slowenische Schriftsteller Boris Pahor. Der bekannte, damals 94-jährige Autor von „Nekropolis“, selbst Deportationsopfer und Überlebender der KZ Dachau, Natzweiler-Struthof, Mittelbau-Dora und Bergen-Belsen, warnte vor der Veräußerung des Geländes und mahnte Schritte zum Erhalt des ehemaligen Konzentrationslager an.

Mittlerweile scheint der Plan, auf dem Areal ein Möbelcenter zu errichten, vom Tisch zu sein. Wenigstens dies ist gelungen. Fortsetzung folgt …

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

Museo della Resistenza Europea in Genua

Auch dieses Jahr gibt es im April um den Jahrestag der Befreiung von der deutschen Besatzung (25. April, Anniversario della Liberazione) herum wieder Möglichkeiten zum Besuch des Museo della Resistenza Europea in Genua. Dort, wo sich früher das Gestapo-Hauptquartier befand, wird auch des Widerstands in Deutschland gedacht.

das Museo della Resistenza Europea in Genua in der ex. Casa dello Studente - Genua - Foto: © Sabine Bade

Die Gestapo in der Casa dello Studente
Die Universität Genua ließ zwischen 1933 und 1935 die Casa dello Studente am Corso Aldo Gastaldi (damals: Corso Giulio Cesare) als Studentenwohnheim errichten. Kurz nach Fertigstellung wurde das 5-geschossige Gebäude von der Faschistischen Partei übernommen. Nach der Besetzung Genuas durch deutsche Truppen war die Casa dello Studente ab Mitte Oktober 1943 Sitz der Gestapo, war deren Verhör- und Folterzentrum unter Leitung von SS-Obersturmbannführer Friedrich Engel, dem SD- und Polizeichef von Genua, der in internationalen Medien auch als „Schlächter von Genua“ bezeichnet wird.

Casa dello Studente, Genua - Folterkeller - Foto: © Sabine Bade

Nach der Befreiung Genuas am 25. April 1945 – die deutschen Truppen unter dem Kommando von Generalmajor Günther Meinhold hatten sich direkt den Vertretern des Widerstands ergeben – fanden die Partisanen im Keller der Casa della Studente Folterwerkzeuge, Blutspuren, Knochenteile und Fingernägel. Die Medien berichteten über die Funde, und für eine kurze Zeit stand das Gebäude, in dem Hunderte von Widerstandskämpfern gefangen gehalten und in dem sogenannten „Keller der Qualen“ vor ihrer Hinrichtung oder Deportation gefoltert wurden, der Bevölkerung Genuas offen.
Aber schon ab 1946 wurde die Casa dello Studente wieder von der Universität genutzt, die Gefängniszellen wurden als Vorratsspeicher für die Mensa verwendet und der Zugang zum für die Folterungen genutzten unterirdischen Luftschutzraum wurde – im Namen der nationalen Versöhnung – zugemauert.

Gedenken an deutschen Widerstandskämpfer im ehemaligen Folterkeller der Gestapo
27 Jahre lang rührte niemand an der grausigen Vergangenheit des Studentenwohnheims. Erst nachdem Studenten Ende der 1960er-Jahre zusammen mit ehemaligen Widerstandskämpfern damit begonnen hatten, die Geschichte des Gebäudes zu rekonstruieren, legten sie 1972 diesen Zugang wieder frei. Damals entstand die Idee, den „Keller der Qualen“ als Gedenkstätte des internationalen Widerstandes zu erhalten. Das Ziel der Initiatoren war es, den oft längst vergessenen Beitrag all jener zu würdigen, die in ganz Europa für den Widerstand gegen Nationalsozialismus und Faschismus kämpften, der „kein Vaterland und keine Grenzen kannte“. Hier sollte nicht nur an den ehemaligen Folterkeller der Gestapo erinnert werden. Dass das Gebäude auch von italienischen faschistischen Organisationen im Wissen um die Ereignisse in den Folterkellern genutzt wurde, sollte ebenso in Erinnerung bleiben wie die vielen Opfer des deutschen Widerstandes gegen das NS-Regime, vor allem in den Reihen der Arbeiterbewegung, über den in Italien relativ wenig bekannt war/ ist.

Casa dello Studente, Genua - Folterkeller, mit Gedenktafel für Rudolf Seiffert - Foto: © Sabine Bade

Um diese nach Ansicht der Initiatoren verborgen gebliebene Seite des deutschen Widerstandes, vor allem den der Arbeiter in Berlin, zu würdigen, ehren sie in der Casa dello Studente seit 1974 Rudolf Seiffert stellvertretend für die deutschen Widerstandskämpfer. Seiffert (1908-1945) war Leiter einer illegalen Betriebsgruppe bei den Siemens & Halske-Werken in Berlin-Siemensstadt und Mitglied der Berliner Saefkow-Jacob-Bästlein-Organisation. Am 29. Januar 1945 wurde er im Zuchthaus Brandenburg-Görden hingerichtet.

Casa dello Studente: Veranstaltungsprogramm zum Tag der Befreiung, 25. April 2017

Am Sonntag, den 23. April (10.00-12.00 Uhr und 14.00-18.00 Uhr), und am Dienstag, den 25. April (12.00-18.00 Uhr) werden Führungen durchgeführt. Casa dello Studente, Corso Aldo Gastaldi, ab Metrostation Genua-Brignole Buslinien 16, 45 und 87.
Wer das Museo della Resistenza Europea zu anderen Zeiten besichtigen möchte, muss sich anmelden. Kontakt: centrodocumentazionelogos@gmail.com

 

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

Der Campo della Gloria in Turin

48 kubusförmige Marmorstelen mit den Namen von Opfern des Widerstands gegen die deutsche Besatzung aus der gesamten Provinz stellen das Zentrum des Campo della Gloria auf dem Zentralfriedhof von Turin dar. Gleich nach dem Krieg wurde diese eindrückliche Gedenkstätte auf Initiative von Nicola Grosa, Vize-Kommandeur der Zone III des piemontesischen Widerstands (Valli di Lanzo und Valle Orco), angelegt: Den Eingang markiert ein Gedenkstein mit einem Zitat von Thomas Mann aus dem Jahr 1954 „L’Avanguardia di una migliore Società umana“. Damals hatte Mann über die europäischen Widerstandsbewegungen geschrieben, dass sie mehr wollten als nur Widerstand zu leisten, sich als die „Avantgarde einer besseren menschlichen Gesellschaft“ empfanden. Das große Monumento al Partigiano Caduto hat der Bildhauer Umberto Mastroianni zusammen mit dem Architekten und Universalkünstler Carlo Mollino bereits 1945 geschaffen.

Nachdem Hinweise darauf eingegangen waren, dass nicht alle Namen der Männer aus der Sowjetunion, die sich dem piemontesischen Widerstand angeschlossen hatten, korrekt seien, hat die Verwaltung des Turiner Hauptfriedhofs anhand der Archive der ANPI (Associazione Nazionale Partigiani d’Italia) und anderer Unterlagen in den vergangenen zwei Jahren gleich alle der ca. 1.200 gelisteten Opfer überprüft. Im Laufe dieses Jahres werden die Fehler  korrigiert.

Wer den Campo della Gloria besuchen will, findet alles Wissenswerte dazu in unserem Buch Partisanenpfade im Piemont im Kapitel „Stadtspaziergang durch Turin“.

 

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

Ferragosto-Konzert 2015 bei Paraloup

Seit 1981 findet alljährlich am 15. August – zum Höhepunkt der italienischen Feriensaison – das ‚Concerto Sinfonico di Ferragosto‘ statt.
Damals wurde am Rifugio Quintino Sella unterhalb des Monviso eine Tradition begründet, die sich längst etabliert hat: jedes Jahr an einem anderen Ort spielt an diesem Tag das Orchestra Bartolomeo Bruni auf und zieht in aller Regel um die 10.000 Besucher zu einer Veranstaltung in die Berge, die auch vom italienischen Fernsehen RAI übertragen wird.

70 Jahre nach der Befreiung: Ferragosto-Konzert bei Paraloup
70 Jahre nach Ende des Krieges, 70 Jahre nach Ende der deutschen Besatzung Norditaliens findet das 35. Ferragosto-Konzert dieses Jahr an einem für die piemontesische Widerstandsbewegung geschichtsträchtigen Ort statt: Auf der kleinen Hochebene von Chiot Rosa unterhalb der von der Bewegung Giustizia & Libertà als eines ihrer Hauptquartiere genutzten ehemaligen Sommersiedlung Paraloup. So schrieb denn auch ‚La Stampa‘ zum diesjährigen Ferragosto-Konzert: „Nella «borgata dei partigiani» per celebrare i 70 anni della Resistenza“.

Paraloup gestern und heute
Direkt nach dem Kriegsaustritt Italiens und mit Beginn der deutschen Okkupation am 8. September 1943 zog sich eine kleine Gruppe von Antifaschisten aus dem Umfeld der Bewegung Giustizia e Libertà um Duccio Galimberti und Dante Livio Bianco aus Cuneo in die Berge zurück, um der drohenden Verhaftung zu entgehen und den Kampf gegen italienische Faschisten und deutsche Besatzer aufzunehmen. Einige wenige Tage hielten sie sich in Madonna del Colletto auf, einem kleinen Pass zwischen Gesso- und Sturatal. Da dieser Ort nicht genug Sicherheit bot, zog die Gruppe, die sich den Namen „Italia Libera“ gegeben hatte, weiter ins Sturatal und erreichte am 20. September 1943 die aus nur wenigen Häusern bestehende abgelegene Sommersiedlung Paraloup nah am Übergang zum Granatal. Bereits Ende Oktober 1943 war die Gruppe auf über 100 Männer angewachsen, unter ihnen Nuto Revelli, Giorgio Bocca, Detto Dalmastre, Alberto Bianco und viele andere mehr, die die 20 Monate der italienischen Resistenza entscheidend prägten. In Paraloup und den umliegenden Weilern wurde die Basis gelegt für die in der gesamten Provinz Cuneo operierenden Giustizia e Libertà-Partisanengruppen.

Paralup war als Sommersiedlung seit langem ungenutzt und die Häuser waren großteils verfallen. Wegen der historischen Bedeutung des Ortes hat die Fondazione Nuto Revelli vor einigen Jahren damit begonnen, den Ort wiederaufzubauen. Viele Geäude wurden bereits überaus gelungen restauriert: In einem ist ein Museum über die Geschichte des Ortes als Standort der Partisanenbewegung untergebracht, ein anderes dient Vorführungen von Zeitzeugen-Videos. Mittlerweile gibt es auch eine Bar und ein Rifugio.
Die Revelli-Stiftung hat sich aber darüberhinaus zum Ziel gesetzt, hier einen Platz zu schaffen, an dem kreative Lösungsvorschläge und Möglichkeiten ausgearbeitet werden sollen, die abgelegenen und stark von Landflucht betroffenen Orten in den Bergen Wege für eine nachhaltige und selbständige Wiederbelebung aufzeigen.

Praktische Informationen
Das Konzert beginnt am 15. August 2015 um 13 Uhr, und auf dem Programm stehen dieses Jahr überwiegend Werke von Dmitri Schostakowitsch. Wer den Trubel einer Massenveranstaltung scheut, kann sich tags zuvor um 14 Uhr die öffentliche Generalprobe anhören.
Der Veranstaltungsort Chiot Rosa wird für den privaten KFZ-Verkehr gesperrt; Busse von Cuneo nach Rittana starten um 7.00 – 7.15 – 7.30 – 7.45 – 8.00 Uhr; Shuttlebusse von dort nach Gorrè di Rittana (Navetta 1) und Tetto Sottano di Rittana (Navetta 2). Zu Fuß geht es dann weiter nach Chiot Rosa.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

Partisanenrepublik Ossola, Orte der Erinnerung – Teil 4

Der erbitterte Kampf gegen die von vielen Kriegsverbrechen begleitete deutsche Besatzung und der Versuch vieler Menschen aus dem Ossolatal, im Herbst 1944 in ihrer Heimat nach über 20 Jahren Faschismus endlich wieder demokratische Verhältnisse herzustellen, hat vielerorts Spuren hinterlassen. Aber Hinweise darauf, wo noch heute im Tal an den Widerstand erinnert und das Gedenken an die 44 Tage der „Repubblica partigiana della Val d’Ossola“ wachgehalten wird, sucht man in deutschsprachigen Reiseführern leider vergeblich.

Domodossola, die Hauptstadt der Bewegung
Dass der Rathausvorplatz von Domodossola heute „Piazza Repubblica dell’Ossola“ heißt, mag wenig erstaunen. Ungewöhnlicher schon, dass im Rathaus an der Stirnseite des Sitzungssaals – wo andernorts in Italien das Porträt des gerade amtierenden Staatspräsidenten hängt – stattdessen Ettore Tibaldi auf die Ratsmitglieder schaut: Domodossola ist stolz auf den Chef der kurzlebigen „Giunta Provvisoria di Governo dell’Ossola“.
Dieser Sitzungssaal wird auch als „Sala Storica della Resistenza“ bezeichnet, und wenn der Gemeinderat gerade nicht tagt, ist der Raum für Besucher frei zugänglich: Entlang der Wände stehen Glasvitrinen, die mit historischen Fotos und Erklärungstexten entscheidende Ereignisse des Widerstands im Ossolatal dokumentieren.

Wer mehr über die Geschichte der Partisanenrepublik von Ossola erfahren wollte, musste bis vor kurzem in die Provinzhauptstadt Verbania fahren und dort die Ausstellung in der „Casa della Resistenza“ von Fondotoce besuchen. Zum 70. Jahrestag der Partisanenrepublik im Oktober 2014 wurde nun aber in Domodossola mit der „Casa 40“ ein eigenes Informations- und Dokumentationszentrum zu den „40 giorni di libertà“ eröffnet.

Auch die humanitäre Hilfe der Eidgenossenschaft ist bis heute in Domodossola unvergessen. Eine am Gleis 1 des Bahnhofs angebrachte Gedenktafel weist auf die Hilfe der Schweizer Nachbarn hin: „Zum 30. Jahrestag der Republik des Ossola im Gedenken an die Bruderhilfe der Walliser und Tessiner an die Bevölkerung des Ossola“. Dreißig Jahre später wurde im Jahr 2004 am Rand der kleinen Grünfläche gegenüber dem Rathaus ein Gedenkstein aufgestellt, mit dem sich die Stadt Domodossola dafür bedankt, dass 1944 Tausende von Flüchtlingen aus dem Ossolatal Aufnahme in der Schweiz fanden: „Am 60. Jahrestag der Partisanenrepublik Ossola zum Gedenken an die brüderliche Hilfe gewährt von Schweizer Freunden“.

Pallanzeno, Megolo, Finero, Goglio – Erinnerungsorte des antifaschistischen Widerstands
Etwas südlich von Villadossola weist an der Landstraße im Weiler Pallanzeno ein Hinweisschild zu einer schlichten Gedenkstätte („Cippo“) für die Opfer des Aufstands von Villadossola: Am 8. November 1943 blockierten Partisanen die Zufahrtswege nach Villadossola, besetzten Post und Kasernen, und in den Fabriken kam es zu Arbeitsniederlegungen. Der sich schnell auch auf andere Orte des Tals ausweitende Aufstand wurde nach zwei Tagen von den deutschen Besatzern blutig niedergeschlagen. Am Ort der Gedenkstätte wurden einige Tage später sechs sogenannte „Rädelsführer“ des Aufstands erschossen, unter ihnen der kommunistische Arbeiter Redimisto Fabbri, nach dem später eine eigene Partisanenformation benannt wurde.

An der Kirche von Megolo Mezzo, einer Teilgemeinde von Pieve Vergonte, beginnt der Wanderweg „Sentiero Beltrami“, benannt nach einem der wichtigsten Protagonisten des Widerstands im Ossolatal. Nach wiederholten, von Omegna ausgehenden Durchkämmungsaktionen des Val Strona wurde Ende Januar 1944 in Campello Monti (oberstes Val Strona) beschlossen, die unter Filippo Beltrami zusammengefassten Widerstandsgruppen „Patrioti Valstrona“ nach Megolo im Ossolatal zu verlegen. Als am 13. Februar 1944 deutsche Truppen Megolo auf der Suche nach Partisanen angriffen und Häuser in Brand steckten, wurden bei Cortavolo oberhalb von Megolo bei einem Gefecht 12 Männer getötet, unter ihnen Filippo Beltrami.
Eine schmale Straße führt vom Kirchplatz in Megolo Mezzo hinauf nach Cortavolo mit der Gedenkstätte.

An der Straße von Canobbio (Lago Maggiore) ins Val d’Ossola befinden sich gleich zwei Gedenkstätten des Widerstands. In Finero ist das Monument für die Opfer des Befreiungskampfes nicht zu übersehen. Es steht direkt an der Straße, unweit der Stelle, wo am 23. Juni 1944 an der Friedhofsmauer von Finero 15 Partisanen hingerichtet wurden. Sie fielen einer großangelegten „Säuberungsaktion“ zum Opfer, mit der ab 10. Juni 1944 circa 17.000 Männer (Wehrmacht, SS und faschistische Miliz) mit massiver Luftunterstützung das Ossolatal durchkämmten. Insgesamt wurden bei dieser dreiwöchigen Aktion im Ossolatal ca. 300 Partisanen während der Kämpfe getötet oder hingerichtet (davon allein wenige Tage zuvor in Verbania-Fondotoce 42 und in Baveno 17 Widerstandskämpfer).
Der zweite Erinnerungsort liegt etwas versteckter am stillgelegten und durch die Galleria di Creves ersetzten Teilstück der Straße. Hier wird Alfredo Di Dio, dem Anführer der „Division Valtoce“, und Attilio Moneta, dem Kommandanten der Guardia Nazionale der Partisanenrepublik, gedacht, die bei der Rückeroberung der Partisanenrepublik durch deutsche Wehrmacht und italienische Faschisten am 12. Oktober 1944 erschossen wurden.

In Goglio wurde die längst stillgelegte Kabinenbahn zur Alpe Devero zu einem kleinen Museum des Widerstands ausgebaut. Bei der Rückeroberung der Partisanenrepublik von Ossola durch deutsche Wehrmacht und italienische Faschisten wurden am 17. Oktober 1944 vier Mitglieder der „Divisione Valdossola“ bei der Flucht in das Schweizerische Binntal getötet. Für den Aufstieg zur Alpe Devero, von der aus der Grenzübertritt unternommen werden sollte, nutzten 24 Partisanen die zwischen Goglio und der Alpe Devero verkehrnde Seilbahn. Als diese wegen Überladung ins Stocken geriet, wurde sie von den Verfolgern beschossen. Die meisten der Partisanen konnten sich durch Sprung aus der Kabine retten; vier von ihnen wurden erschossen.

Varzo – die vereitelte Sprengung des Simplontunnels
Am Bahnhof des an der Simplonstrecke gelegenen Ortes Varzo erinnert eine Gedenktafel daran, dass kurz vor Ende des Krieges in der Nacht vom 22. auf den 23. April 1945 Partisanen der 2. Garibaldi-Division die von den Deutschen nach dem „Prinzip der verbrannten Erde“ geplante Sprengung des Simplontunnels verhinderten.
Werner „Swiss“ Schweizer hat dieses Ereignis mit dem Film „Dynamit am Simplon“ (1989) dokumentiert. In Gino Vermicellis Buch „Die unsichtbaren Dörfer“ schreibt er dazu:
„Bereits im November 44 traf in Varzo, dem letzten Dorf vor der italienischen Seite des Simplontunnels, eine Spezialeinheit von deutschen Mineuren ein. Sie begannen, die bereits vorhandenen Sprengkammern im Simplontunnel auszubauen und für die Sprengung vorzubereiten. Auch grosse Elektrizitätswerke und Staumauern wurden miniert. Da die Simplonstrecke bis nach Domodossola unter der Aufsicht der schweizerischen Bundesbahn stand, entdeckten Eisenbahnarbeiter diese Vorbereitungen und meldeten sie dem Zollchef von Domodossola, dem Schweizer Peter Bammatter. Dieser war vom Schweizer Geheimdienst für Beobachtungsaufgaben in Norditalien eingesetzt worden. Ein erster Versuch, den Sprengstoffkonvoi durch eine Partisanenaktion bereits am Lago di Mergozzo zu zerstören, misslang.
So blieb es die Aufgabe der „2. Garibaldi-Division“, den Sprengstoff, der inzwischen bis nach Varzo gebracht worden war, unschädlich zu machen. Mit den Brigaden „Camasco“, „Fabbri“ und „Volante Alpina“, insgesamt 120 Mann, riegelte „Mirco“ das Tal vollständig ab, hielt die SS- sowie die österreichischen Wachtruppen in ihren Kasernen fest und liess die 64 Tonnen Trotyl abbrennen. Eine riesige Feuersäule, über 300 Meter hoch, leuchtete bis nach Domodossola, wo der Schweizer Nachrichtenchef Peter Bammatter, in den hell erleuchteten Himmel blickend, von der erfolgreichen Durchführung „seiner“ Aktion Kenntnis nahm.“

Gedenkorte Europa 1939-1945

 

Weitere Informationen zu Gedenkorten im Ossolatal
Weiterführende Informationen, detaillierte Anfahrtsbeschreibungen, GPS-Koordinaten und Literaturhinweise haben wir auf den Seiten des Gedenkorte-Portals www.gedenkorte-europa.eu unter „Ossolatal“ abgelegt.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

Enio Mancini: Das Massaker von Sant’Anna di Stazzema

Das Massaker von Sant'Anna di StazzemaIn Hamburg kann es zum wahrscheinlich letzten Kriegsverbrecherprozess Deutschlands kommen. Das gerade erschienene Buch mit den Erinnerungen von Enio Mancini, der das Massaker von Sant’Anna di Stazzema überlebte, liefert dazu die eindrückliche Geschichte und gewährt darüberhinaus Einblick in die notorische Verfolgungsverweigerung der deutschen Justiz gegenüber NS-Verbrechen.

Vor 70 Jahren ermordeten am 12. August 1944 Mitglieder der 16. SS-Panzergrenadierdivision „Reichsführer SS“ im toskanischen Bergdorf Sant’Anna di Stazzema mindestens 560 wehrlose Zivilisten – vorwiegend Frauen, alte Menschen und über 100 Kinder.

 

 

Dass das Geschehen nicht in Vergessenheit geriet, ist vor allem Enio Mancini zu verdanken, der als kleiner Junge das Massaker überlebte. Dank seines beharrlichen Engagements, seiner Suche nach Erinnerungsstücken und Berichten von anderen Überlebenden, konnte 1991 im ehemaligen Schulgebäude von Sant’Anna das Museum des Historischen Widerstands eröffnet werden, dessen Leiter er bis 2006 war. Seine im Vorjahr in Italien erschienenen Erinnerungen liegen jetzt in deutscher Übersetzung vor. Er schildert darin das Leben in dem abgelegenen Bergdorf, die Ereignisse des 12. August 1944 und die Probleme der teilweise schwer traumatisierten Überlebenden beim Wiederaufbau der Gemeinde. Auch darüber, wie still es danach um die Ereignisse von Sant’Anna wurde: Eine juristische Verfolgung der Greueltaten unterblieb.

Der Mantel des Schweigens, der fünf Jahrzehnte lang in Italien über den vielen von deutscher Wehrmacht und SS verübten Verbrechen lag, wurde spät gelüftet: Die aus Rücksichtnahme gegenüber dem Nato-Partner 1960 bei der Militäranwaltschaft in Rom „vorläufig archivierten“ Ermittlungsakten einer noch während des Krieges eingesetzten amerikanischen Militärkommission wurden ab 1994 Grundlage diverser Ermittlungen. Im Fall des Massakers von Sant’Anna di Stazzema sprach das Militärgericht La Spezia 2005 zehn der angeklagten Mitglieder der 16. SS-Panzergrenadierdivision „Reichsführer SS“ wegen “fortgesetzten Mordes mit besonderer Grausamkeit” schuldig und verurteilte sie in Abwesenheit jeweils zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe. Für die Verurteilten folgenlos: Eine Auslieferung war nicht zu befürchten.

Der Geist der furchtbaren Juristen
Seitdem ist auch im Land der Täter viel über das Massaker von Sant’Anna di Stazzema berichtet worden. Vor allem über die schleppend betriebenen Ermittlungen. Seit 1996 lag der Vorgang bei der Zentralen Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg. Von 2002 bis 2012 ermittelte die Staatsanwaltschaft Stuttgart und stellte schliesslich die Ermittlungen ein. Das Massaker an mindestens 560 Frauen, Kindern und alten Menschen könne auch als Kollateralschaden im Rahmen der Partisanenbekämpfung zu werten sein. Für die Beschwerde gegen die Einstellungsverfügung fertigte Dr. Carlo Gentile, historischer Sachverständiger bei vielen NS-Strafverfahren und Mitglied der deutsch-italienischen Historikerkommission, ein Gutachten an, das diesen Ansatz widerlegt. Dennoch bestätigte die Generalstaatsanwaltschaft Stuttgart im Jahr 2013 die Einstellung des Verfahrens.

Die Strafrechtlerin Gabriele Heinecke, die seit 2005 mit Enrico Pieri den Sprecher der Opfervereinigung von Sant’Anna vertritt, beschreibt in einem eigenem Kapitel minutiös, wie die juristische Aufarbeitung in Deutschland bewusst hintertrieben und verschleppt wurde, wie unstrittige Sachverhalte zugunsten der Beschuldigten uminterpretiert wurden. Vorgänge, die belegen, wie der Geist der die Nachkriegszeit dominierenden furchtbaren Juristen das deutsche Rechtssystem heute noch beherrscht.

Kurz nach Drucklegung des Buches hatte das letztmögliche Rechtsmittel, das Klageerzwingungsverfahren vor dem Oberlandesgericht Karlsruhe gegen den Kompanieführer, den ehemaligen SS-Untersturmführer Gerhard Sommer, Erfolg: Der 3. Strafsenat sah „ausreichenden Tatverdacht“ und „keine vernünftigen Zweifel“ daran, dass die Handlungen von vornherein auf die Vernichtung der Zivilbevölkerung von Sant’Anna gerichtet waren. Das Gericht verwies das Verfahren an die Staatsanwaltschaft Hamburg, wo Sommer lebt. Dort kann es nun zum wahrscheinlich letzten Kriegsverbrecherprozess Deutschlands kommen. Das Buch mit den Erinnerungen von Enio Mancini, den Ausführungen von Gabriele Heinecke und der historischen Rekonstruktion des Massakers von Carlo Gentile liefert dazu die Informationen.

Sabine Bade

Gabriele Heinecke, Christiane Kohl, Maren Westermann (Hg): Das Massaker von Sant’Anna di Stazzema – Mit den Erinnerungen von Enio Mancini. Mit Beiträgen von Christiane Kohl und Maren Westermann, der juristischen Einordnung von Gabriele Heinecke sowie einer Untersuchung des Historikers Carlo Gentile. Laika Verlag Hamburg, ISBN: 978-3-944233-27-7, Hardcover mit Schutzumschlag, 144 Seiten, 19,00 €.