Kategorie-Archiv: Initiativen In Deutschland

Initiativen in Deutschland

Rede zum 70. Jahrestag des Massakers am Colle del Lys

Als wir vor kurzem die Gedenkveranstaltung am Colle del Lys ankündigten, haben wir dabei auch auf die intensiven Kontakte hingewiesen, die die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes / Bund der AntifaschistInnen (VVN-BdA) Ravensburg-Oberschwaben seit Jahrzehnten zum Comitato Resistenza Colle del Lys pflegt.


Joseph Kaiser als Vertreter der VVN-BdA Ravensburg-Oberschwaben war Ehrengast bei der Gedenkveranstaltung am 6. Juli 2014 und hat uns erlaubt, seine Rede anlässlich des 70. Jahrestags des Massakers hier nachfolgend wiederzugeben:

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Gedenkkonzert in Falzano di Cortona

Die Orgel-Konzertreihe in Sant’Anna di Stazzema ist dank der Freunde der Friedensorgel längst zu einer Institution geworden. Nun ist es gelungen, diese Konzertreihe auch auf Falzano di Cortona in der toskanischen Provinz Arezzo auszudehnen.

Concerto della Memoria
Am 27. Juni 1944 ließ der Kompaniechef eines dort operierenden Gebirgspionierbataillons, der damalige Wehrmachtsleutnant Josef Scheungraber, als Vergeltung für einen Partisanenangriff, bei dem am Vortag zwei Soldaten getötet worden waren, willkürlich elf Zivilisten – Bauern im Alter zwischen 15 und 67 Jahren – in die Casa Cannicci in Falzano sperren und danach das Haus in die Luft sprengen. Nur das jüngste der Opfer, ein fünfzehnjähriger Jugendlicher, überlebte schwerverletzt und konnte bei dem Strafprozess gegen Scheungraber, der 2009 vom Schwurgericht des Landgerichts München I wegen 10-fachen Mordes verurteilt wurde, als Zeuge aussagen.

Konzert zum 70. Jahrestag des Verbrechens

70 Jahre später veranstaltet die Comune di Cortona in Zusammenarbeit mit der Associazione Organi Storici di Cortona am 12. Juli 2014 in der 1944 im Zuge des Massakers gesprengten und nach dem Krieg wieder aufgebauten Kirche von Falzano di Cortona ein Gedenkkonzert. Hannes Läubin, Max Westermann und Luca Scandali werden dort das den Opfern von Sant’Anna di Stazzema gewidmete und dort 2010 uraufgeführte Stück GILGUL für Trompete und Orgel von Luca Lombardi spielen.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

Gedenkveranstaltung am Colle del Lys

Seit Jahrzehnten findet im Piemont jedes Jahr am ersten Juli-Wochenende eine Gedenkveranstaltung am Colle del Lys statt – dort wo unweit von Turin am Übergang zwischen Susa- und Viùtal am 2. Juli 1944 26 junge Männer einem blutigen Massaker zum Opfer fielen. Auch dieses Ereignis jährt sich – wie so viele andere – dieses Jahr zum 70. Mal.

70. Jahrestag des Massakers am Colle del Lys

Nachdem bereits Ende Juni 1944 Auskämmungsaktionen in verschiedenen Orten des Susatals stattfanden, stießen im Morgengrauen des 2. Juli 1944 deutsche und italienische SS-Truppen zum Colle del Lys vor. Sie näherten sich dem Pass von zwei Seiten, sowohl vom Viù- als auch vom Susatal. Ihr Ziel war die Zerschlagung der 17. Garibaldi-Brigade „Felice Cima“. Während heftiger Gefechte wurden sechs Partisanen getötet, die meisten anderen konnten sich in Richtung der schwer zugänglichen Region um den Monte Rognoso retten. Für 26 Männer gab es dagegen kein Entkommen. Sie waren erst kurz vorher aus der Ebene zu den Partisanen gestoßen und wussten weder, wie man sich im felsigen, unwegsamen Gelände zu bewegen hatte, noch trugen sie dafür das richtige Schuhwerk. Sie sahen sich außerstande, den anderen zu folgen und waren zur Umkehr gezwungen. Die Männer – die meisten waren unbewaffnet – wurden von den SS-lern gefasst, gefoltert und anschließend erschlagen. Erst zwei Tage später war es möglich, die schwer geschändeten Leichen zu bergen und in einem Massengrab beizusetzen.

Per non dimenticare – Orte der Erinnerung am Colle del Lys

1947 wurde am Colle del Lys eine erste kleine Gedenktafel für die Toten der 17. Garibaldi-Brigade „Felice Cima“aufgestellt. Als aber am 11. September 1955 – bereits mitten im Kalten Krieg und einige Jahre nach Aufspaltung der A.N.P.I. – der knapp acht Meter hohe Rundturm eingeweiht wurde, der heute das Wahrzeichen des Passes ist, wählte man einen anderen Ansatz: Seit damals wird nicht mehr nur der Opfer einer einzelnen Partisanenorganisation gedacht, sondern parteiübergreifend aller 2.024 Menschen aus den Valli di Lanzo, Susa, Sangone und Chisone, die während der 20 Monate des Widerstands gegen deutsche und italienische Faschisten ihr Leben verloren.

In diesem eher regionalen als organisationsbezogenen Sinn versteht sich auch das im Jahr 2000 in der ehemaligen Casa Cantoniera errichtete „Ecomuseo della Resistenza Carlo Mastri“. Zwar setzt die ständige Fotoausstellung ihren unübersehbaren Schwerpunkt auf die Geschichte der 17. Garibaldi-Brigade – Wechselausstellungen und Veranstaltungen widmen sich aber dem gesamten Komplex der Resistenza.

Gedenkveranstaltung 2014

Die diesjährige Gedenkveranstaltung beginnt am Samstag, den 5. Juli 2014, mit der Wanderung zum Colle della Portia, die wir auch in unser Buch „Partisanenpfade im Piemont“ aufgenommen haben. Die weiteren Programmpunkte können dem Veranstaltungsplakat entnommen werden.

Ein kleiner Hinweis noch zum Ehrengast der sonntäglichen Hauptveranstaltung Joseph Kaiser (VVN-BdA Ravensburg/Oberschwaben): Die VVN-BdA Ravensburg/Oberschwaben pflegt – wie auch die VVN-BdA Konstanz – intensive Kontakte zu ehemaligen WiderstandskämpferInnen, PartisanInnen, AntifaschistInnen und GewerkschafterInnen aus dem Piemont, die aus der Städtepartnerschaft Ravensburg-Rivoli vor über 30 Jahren hervorgegangen sind. So wie Elena Cattaneo, die Präsidentin des Comitato Resistenza Colle del Lys, im Mai mit ihrem Mann Franco Voghera zur Gedenkveranstaltung am KZ-Friedhof an der Birnau kam, ist auch dieses Jahr wieder eine Delegation der VVN-BdA Ravensburg/Oberschwaben am Colle del Lys dabei.

Plakat / Veranstaltungsprogramm als Download

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

Sant’Anna di Stazzema – Konzertreihe zum 70. Jahrestag des Massakers

Die von Maschinengewehrsalven zerstörte kleine Orgel der Kirche von Sant’Anna di Stazzema – sie erklang letztmals am Tauftag des jüngsten Opfers Anna Pardini – konnte am 29. Juli 2007 wieder feierlich in Betrieb genommen werden: Die auf Initiative des Essener Musiker-Ehepaares Maren und Horst Westermann gegründete ‚Deutsch-Italienische Gesellschaft Freunde der Friedensorgel Sant’Anna di Stazzema/ Associazione italo-tedesca Amici dell’organo della pace di Sant’Anna di Stazzema‘ hatte dafür mit Hilfe von Benefizkonzerten Spenden gesammelt und führt seitdem jeden Sommer eine Konzertreihe durch.


Die Konzertreihe 2014 ist dem Gedenken an den 70. Jahrestag des am 12. August 1944 begangenen Massakers von Sant’Anna di Stazzema und anderer Massaker in der Toskana gewidmet und präsentiert wieder international renommierte Musiker. Es finden neun Orgelkonzerte statt, darunter zwei Uraufführungen von Sant`Anna gewidmeten Auftragswerken sowie ein Sonderkonzert für Chor und Orchester in deutsch- italienischer Zusammenarbeit.

Das gesamte Programm der diesjährigen Konzertreihe findet sich auf der Seite der Freunde der Friedensorgel Sant’Anna di Stazzema.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

Gedenkfeier am KZ-Friedhof Birnau am Bodensee 2014

Seit vielen Jahren wird am KZ-Friedhof nahe der Wallfahrtskirche Birnau um den 8. Mai herum, dem Tag der Befreiung vom Faschismus, der Menschen gedacht, die im KZ-Außenlager Überlingen-Aufkirch starben. Mindestens 185 Häftlinge – die meisten von ihnen Italiener und Slowenen – wurden dort zwischen September 1944 und April 1945 ermordet oder fielen den unmenschlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen beim Bau des Goldbacher Stollens zum Opfer. Sie alle waren dort beim Bau eines unterirdisches Stollensystems eingesetzt, in das die Produktion der Friedrichshafener Rüstungsbetriebe Dornier, Zeppelin, ZF und Maybach vor Bomben geschützt unter Tage verlagert werden sollte.


Anfangs wurden die Opfer zur Einäscherung in das Konstanzer Krematorium gebracht. Einem Mitarbeiter war es trotz aller Verbote gelungen, die Urnen zu beschriften und zu verstecken. Nach dem Krieg konnten sie dadurch den Angehörigen übergeben und in ihre  Heimat überführt werden. Per Zufall entdeckten wir bei unseren Recherchen auf dem zwischen Lago Maggiore und Luganer See gelegenen Monte San Martino in der dortigen Gedenkstätte das Urnengrab des Rechtsanwalts Franco Tranfaglia: Er hatte sich dem lokalen Widerstand gegen die deutsche Besetzung Italiens angeschlossen, wurde verhaftet, über Bozen im Oktober 1944 nach Deutschland deportiert und starb am 17.1.1945 im Außenlager Überlingen-Aufkirch. An „allgemeiner Schwäche“, wie es damals stets hieß.

Als die Kohleversorgung des Konstanzer Krematoriums aber für eine Verbrennung nicht mehr ausreichte, wurden etwa 97 Tote unbekleidet im nahen Degenhardter Wäldchen in einem Massengrab verscharrt. Nach dem Krieg ordnete die französische Militärbehörde die Öffnung des Massengrabs an und verlangte die Umbettung der Leichen. Am 9. April 1946 wurden die namenlosen Toten auf dem KZ-Gedenkfriedhof Birnau bestattet.


Während der diesjährigen Gedenkveranstaltung am KZ-Friedhof Birnau am 10. Mai legte als Ehrengast der letzte überlebende Häftling des Lagers, der fast 89-jährige Anton Jež aus Slowenien, einen Kranz am Kreuz des Friedhofs nieder. Und die Hauptrednerin Janka Kluge (VVN-BdA Landessprecherin) erinnerte an das Schicksal einer dieser Männer: Giuseppe Beltrame aus dem Val Bormida (Piemont/ Ligurien) gehörte zu jenen Wehrpflichtigen, die in der „größten Verkleidungsaktion der italienischen Geschichte“, wie es die Historikerin Anna Bravo nennt, am 8. September 1943, dem Tag des Waffenstillstands der Italiener mit den Alliierten, ihre Uniform klammheimlich gegen Zivilkleidung tauschten, um der Gefangennahme und anschließender Deportation durch die deutsche Wehrmacht zu entgehen. Erst vor einigen Jahren wurde bekannt, dass Giuseppe Beltrame, dessen Geschichte Oswald Burger nachgezeichnet hat, in einem der 97 namenlosen Gräber bestattet wurde.

Die alljährlich stattfindende Gedenkfeier am KZ-Friedhof Birnau, veranstaltet von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BDA Bodensee-Oberschwaben und Singen-Konstanz), DGB, IG Metall und dieses Jahr erstmalig auch der lokalen Stolperstein-Initiativen, ist darüberhinaus immer auch ein Treffen von Deutschen und Italienern. Was mit der Städtepartnerschaft zwischen Ravensburg und Rivoli nahe Turin vor über 30 Jahren begann, hat schnell zu ganz intensiven Kontakten zwischen der VVN und dem Comitato Resistenza Colle del Lys geführt. Kein Wunder also, dass wir dort vor zwei Jahren auch unser Buch „Partisanenpfade im Piemont“ vorstellen durften.

Elena Cattaneo, die Präsidentin des Comitato Resistenza Colle del Lys, war mit ihrem Mann Franco Voghera zur Birnau gekommen und erinnnerte nicht nur an die faschistische Hitler-Diktatur, sondern wies zudem – wie auch alle anderen Redner und Rednerinnen – auf die Gefahr der aktuelle Entwicklung rechter Parteien in Europa hin.

Verstärkt wurde die kleine italienische Delegation durch Giuseppe Rizzo und seine Frau Enza Giordano aus Grugliasco. Der Präsident der ‚Consulta antifascista comunale di Grugliasco‘ kam als Vertreter des Bürgermeisters dieses kleinen Ortes, der am 29./30. April 1945 – als das nahe Turin bereits befreit war und der Sieg über den Faschismus schon gefeiert wurde – blutiger Schauplatz eines Massakers durch deutsche Wehrmachtsangehörige wurde: Diesem Massaker fielen 68 Partisanen und Zivilisten zum Opfer.

Sabine Bade & Wolfram Mikuteit

 

Literatur zum Thema:

Oswald Burger: Der Stollen. Verein Dokumentationsstätte Goldbacher Stollen und KZ Aufkirch in Überlingen, Überlingen 1996; 10. Auflage: Isele, Eggingen 2012, ISBN 978-3-86142-087-3.

Führungen zum Goldbacher Stollen und Informationen dazu:
http://www.stollen-ueberlingen.de